Nürnberg Pop Co-Founder David Lodhi im Interview!

Veröffentlicht am 3. Oktober 2026 um 11:29

Beitrag: Maximilian, Foto: Nürnberg Pop

Nürnberg Pop ist seit 15 Jahren ein fest etabliertes Festival in der Nürnberger Pop-Kulturszene. Künstler wie Berq, Edwin Rosen oder Paula Carolina haben dort schon gespielt. Ob im Plattenladen, in der Katharinenruine oder auch im Museum für Jede:n gibt es einen passenden Act! 2026 spielen unter anderem Pop-Acts wie Magda, Aaron oder Panicbaby. Doch lieber Rap? Dann wäre Patina Records oder LGoony etwas für dich! Wie kam es zu dieser Vielfalt? Wie läuft das Booking? Sind die Tourabsagen auch beim Nürnberg Pop zu spüren? Das und vieles mehr hat uns David Lodhi verraten. 

Wie entstand „Nürnberg Pop“?

Tommy, mein Mitbetreiber, und ich spielten elf Jahre lang in einer Band (Wronkong). 2010 traten wir auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg auf. Nach unserem Auftritt besuchten wir verschiedene Spielstätten und waren von der Idee beeindruckt, dass überall Band spielten. Kurz darauf trafen wir uns in Nürnberg und beschlossen, etwas Ähnliches zu starten. Wir erkundeten die Altstadt und suchten nach geeigneten Spielstätten. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch relativ unerfahren.

War es schwierig, Sponsoren zu finden? 

Im ersten Jahr haben wir das Festival fast ohne Sponsoren organisiert. Es gab damals sechs oder sieben Spielstätten und eine überschaubare Anzahl an Bands. Die ersten Jahre nutzten wir, um aus unseren Fehlern zu lernen.  Wir glauben, dass es wichtig ist, Fehler machen zu dürfen und daraus zu lernen.  Wir haben teuer für unsere Fehler bezahlt, aber wir haben auch angefangen, an der Monetarisierung zu arbeiten. Sponsoring gibt es auf verschiedenen Ebenen: vom Bund, vom Freistaat und von der Kommune. Wir haben an Türen geklopft und Sponsoren angefragt. Die Sparkasse, die tief in der Kulturförderung engagiert ist, war schnell dabei. So entwickelte sich alles bis zum Exklusiv-Sponsoring der PSD-Bank (siehe Festival-Logo).

Was hat sich vom ersten zum jetzigen Festival geändert? 

Wir sind immer noch die, die wir waren. Wir denken und handeln unabhängig, und diese Denkweise hat uns viele Ideen eingebracht. Die Musikwelt und das Marketing verändern sich rasant.  Es ist wichtig, das Gleichgewicht zu halten. Die Branche ist voller Druck, aber die Herausforderung besteht darin, diesen Druck zu meistern und sich selbst zu fragen: Was will ich? Wer bin ich? Warum mache ich das? Das hat uns in der Pandemie geholfen. Wir hatten Glück, dass das Nürnberg Pop in beiden Jahren stattfinden konnte. Im ersten Jahr mit Abstand bestuhlt und mit Maske, im zweiten Jahr als erstes bundesweites Festival, bei dem man die Maske innerhalb der Spielstätte ablegen konnte. In diesen Jahren haben wir uns neu ausgerichtet und überlegt, was wir wirklich wollen und ob es andere kulturelle Aspekte gibt. Daraus ist alles entstanden, was heute Teil des Festivals ist.

Wie bucht ihr Acts? 

Booking ist ein ganzjähriger Prozess. Wir haben bereits etwa 15 Bands für 2027 gebucht. Ich (David) betreibe den Club Stereo seit 21 Jahren und bin deswegen ganzjährig Programmleiter und Booker.  Wir überlegen uns genau, warum Bands bei uns spielen sollten und was wir ihrem Umfeld erklären, wenn wir sie anfragen.  Diese Stellschrauben haben wir sowohl für die DACH-Region als auch in den letzten drei Jahren in Europa optimiert. Wir arbeiten eng mit europäischen Exportbüros zusammen und wählen mit ihnen Acts aus diesen Ländern aus.

Beeinflusst dein privater Musikgeschmack deine Entscheidungen? 

Nach dem Zivildienst studierte ich Jazzmusik. Das hilft mir, Bands zu beurteilen, egal welches Genre. Tommy kommt aus der elektronischen Musik und hat jahrelang Musik produziert und Werbe-Jingles gemacht. Dieses Wissen und die Erfahrung ermöglichen es uns, nach Inhalten Bands anzufragen, auch wenn wir nicht immer den gleichen Geschmack teilen. Als Kurator plane ich den Spielplan, damit verschiedene Zielgruppen den bestmöglichen Abend haben. Beispielsweise bei Indie-Pop-Acts wie Aaron, Panicbaby und Magda ist es wichtig, dass die Fans die Möglichkeit haben, die Acts anzuschauen.  Ebenso achte ich auf die Platzverhältnisse, um allen ein schönes Festival-Erlebnis zu ermöglichen. Manchmal steht man draußen, weil die Location schon voll ist. Das gehört zu einem Club-Festival dazu, da sind die Kapazitäten begrenzt.

Wie spürt ihr aktuell die Umstände mit den Tour-Absagen und den zu wenigen Tickets?

Als Nürnberg-Pop spüren wir sie nicht, was unsere Arbeit zeigt. Im Club Stereo als Booker und durch meine ehrenamtliche Tätigkeit als Vorstand von Verband für Popkultur in Bayern e.V. (https://popkultur.bayern/) merke ich aber, dass sich die Zeiten ändern und Absagen aus verschiedenen Gründen zunehmen. Ich hatte bei Nürnberg-Pop jetzt in einigen Fällen mit relativ hohem Vorlauf die Mental Health-Thematik auf dem Tisch. Künstlerinnen und Künstler waren so überfordert vom Jahr, dass sie auf den Stopp-Knopf gedrückt haben. Das finde ich vernünftig und unterstütze es als Festival und als David. Ich frage mich aber, was die Musikbranche mit solchen Menschen macht, wenn sie zwei Monate vor einer Festivalshow absagen müssen, auf die sie sich freuen. Die Acts müssen jeden Tag TikToks drehen, haben ein Social-Media-Thema, kriegen Strategien vorgelegt und müssen sich mit Algorithmen auseinandersetzen. Das mussten wir früher nicht. Das ist eine Herausforderung der Jetzt-Zeit. Ich verstehe das und habe großes Mitgefühl mit denen, die die Reißleine ziehen müssen.

Gibt es einen Act auf deiner Bucketlist, den du unbedingt dabei haben möchtest?

Es hat geklappt, dieses Jahr SPRINTS zu holen, eine großartige irische Postpunk-Band. Ich fahre viel auf Festivals, schaue mir Bands an und rede mit den Leuten aus ihrem Umfeld, ob wir sie auch mal buchen können. SPRINTS habe vor drei Jahren beim Iceland Airwaves in Reykjavik in der 200er Venue gesehen und bin ihnen nachts um halb eins verfallen. Am nächsten Tag habe ich den Booker gefragt: „Hey, bitte, lass uns die zu Nürnberg Pop bringen.“ Drei Jahre später habe ich mich riesig gefreut, als es geklappt hat. Wenn das Leben ein Wunschkonzert wäre, hätte ich sehr gerne mal Portishead auf dem Nürnberg Pop, aber das wird nicht klappen. Der Musiker orbit spielt dieses Jahr am Samstag das Festival Closing im Künstlerhaus Festsaal. Als ich mit seinem Agenten sprach, sagte der, orbit spiele normalerweise in viel größeren Locations und ich könnte seine Gage nicht bezahlen. Meine Herausforderung war es, einen Weg zu finden. Ich überzeugte ihn mit einer persönlichen Ansprache, einem speziellen Lichtsetup für seine Show und dem Verständnis seiner Situation und der des Festivals. Am Ende wollte er spielen.

Was macht ihr anders als andere Festivals? 

Wir kennen andere Festivals zu wenig, um sie zu bewerten. Wichtig ist unsere Unabhängigkeit, Selbstreflexion und Entwicklung. Wir waren mit unseren Konferenzen 2024 und 2025 unzufrieden und entschieden uns nach dem Festival 2025 für einen Neustart.  Das bedeutet intensive Diskussionen, manchmal wochenlang.  Diese Unabhängigkeit und unser Diskussionswille verbessern unsere Arbeit hoffentlich deutlich. Nürnberg Pop orientiert sich an erfolgreichen Ideen und bietet spannende Kooperationen. Wir bieten bspw. einen gemeinsamen Popkurs mit der Hochschule für Musik in Nürnberg an.

Wird es langweilig, seit 2011 das gleiche Festival zu organisieren?

Das Gegenteil ist der Fall. Es macht riesigen Spaß und wir erwecken das Festival drei Monate vor dem Start zum Leben. Bis dahin passiert alles in unserem Büro oder bei Besprechungen mit potenziellen Partner:innen. Wenn das Team dann langsam zusammenkommt, fangen wir an, die Technik zu planen, die Volunteers zu organisieren, die Gastronomie zu planen und die Konferenz mit den Teilnehmer:innen vorzubereiten. Mich treibt es an, den Menschen an den Festivaltagen die Bedeutung von Popkultur, besonders in Zeiten wie diesen, zu zeigen. Ich freue mich immer noch über jede Band, jeden Speaker und jeden Gast. Letztes Jahr hatten Tommy und ich zum ersten Mal in unserer Geschichte am Samstag ab Mittag Zeit, unser eigenes Festival zu besuchen. Alles lief perfekt, und dieser Tag hat uns die Kraft gegeben, das Festival dieses Jahr so zu gestalten.

Was empfiehlst du jedem Nürnberg Pop Besucher? 

Lasst euch auf das ein, was wir bieten. Natürlich gibt es ein paar Lieblings-Acts, auf die man sich freut. Aber wie beim Reeperbahn Festival und unserem Grundstein für Nürnberg Pop war das Spannende, neue Türen zu öffnen, auch auf die kleinen Bühnen zu gehen und Newcomer zu entdecken. Man sieht eine Band, die man vielleicht nicht kennt, und geht begeistert und glücklich nach Hause, um von der neuen Entdeckung zu erzählen. Das ist der Zauber von Nürnberg Pop. Letztes Jahr hat Pit Report, ein YouTube-Magazin, versucht, an den zwei Tagen Festival jede Tür zu öffnen und das gezeigt. Sie haben sich am meisten auf die rockigeren Bands gefreut, da sie aus dem Rockband-Bereich kommen. Sie waren aber total geflasht von der Vielfalt, die wir anbieten. Pit Report glaubten, dass die Vielfalt und die wunderschönen Kulturorte, die sie entdeckten, im Pop-Kulturellen Kontext gar nicht erschlossen sind. Eine Kunsthalle wird zum Beispiel im Pop-Kulturellen Kontext nicht serviert, aber bei uns spielt dieses Jahr ein 70-köpfiger Chor. Mein Tipp ist, sich von Dingen begeistern zu lassen, die man nicht auf dem Schirm hat.

Auf was freust du dich dieses Jahr besonders? 

Das Wochenende ist arbeitsintensiv, besonders für uns im Produktionsbüro. Dieses Jahr beginnt das Festival schon am Donnerstag mit einem Opening Concert. Am meisten freue ich mich auf die glücklichen Gesichter, die wir jedes Jahr sehen. Wir hoffen auf gutes Wetter, wie immer. Die ersten Prognosen sehen gut aus. Für mich ist es wichtig, dass die Leute eine gute Zeit haben und unser Festival dazu beiträgt, die Welt für ein paar Tage ein bisschen besser zu machen.

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